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Anarchie und Disziplin für den Augenblick (August 2023)

Disziplin klingt altmodisch. Nach Jahrhundertwendegeschichten wie Der Trotzkopf. Nach Humorlosigkeit und Bügelfalten. Kontrolle, Regeln, Sicherheit.



Anarchie klingt nach Künstlertum, nach Pippi Langstrumpf, nach Spaß und Party. Und aufräumen kann jemand anderes. Unordnung und Willkür und Freiheit, das ist Anarchie.

Dass ausgerechnet Künstler diszipliniert sind, kann eine einigermaßen unsexy Entdeckung sein.

Ich bin schrecklich diszipliniert. Also, oft. Wenn ich auf der Bühne oder vor der Kamera stehen soll, tue ich alles, damit das klappt: „Der Lappen muss hoch“. Also gehe ich früh schlafen, esse und trinke vernünftig und probe, bis ich alles im Schlaf kann. Ich übe murmelnd stundenlang, erschrecke die Menschen in der Bahn mit meinen Grimassen und lasse bis auf eine Cola alles stehen, was auf dem Catering-Tisch in der Garderobe aufgebaut ist. Das ist wichtig für mich. Ich webe mein Netz wie eine Spinne. Ich übe meine Partitur wie ein Dirigent.

Wenn ich meine Rettungsnetze gespannt habe, kann ich mich fallen lassen. In den Augenblick. Dann kann ich meinen Kollegen zuhören und -schauen und mich überraschen lassen. Dann kann ich spontan auf das Publikum reagieren. Denn ich weiß: Ich kenne meinen nächsten Sprung genau, ich trau mich den Salto, denn zur Not wirft das Netz mich wieder hoch ans Trapez. Sich so im Augenblick verlieren zu dürfen, ist wunderbar. Es ist ein Moment jenseits der Zeit.

Die Kontrolle abgeben kann ich aber nur, wenn ich vorher diszipliniert war. Wenn ich unsicher bin, mir nicht vertraue, dann kann ich nicht loslassen.

Ich brauche die richtige Balance zwischen Freiheit und Kontrolle

Virtuosen Musikern zum Beispiel siehst du diese Sich-Verlieren an. Sie ziehen dich mit in den Moment jenseits der Zeit. In einer scheinbar mühelosen Leichtigkeit. Dahinter stecken Stunden und Jahre von Übung, diszipliniertes Wiederholen.

Dass dir das nicht langweilig wird!

Ja, stimmt. Erstaunlich. Wird es aber nicht. Disziplin kann Spaß machen. Wenn sie dazu führt, dass du eine Kunst so beherrschst, dass du immer neue Varianten erspinnen, ersinnen, erfinden kannst. Disziplin, die dazu führt, dass die Betten immer gleich gemacht sind, langweilt mich. Mich – es kann andere entzücken, bestimmt. Disziplin, die dir erlaubt, die Grenzen zu sprengen, alles Gelernte bewusst zu vergessen. Disziplin kann dich gut fühlen lassen.

Wenn ich morgens die Augen aufschlage, treffe ich eine Entscheidung. Und wenn ich Disziplin wähle, aufspringe, in die Laufschuhe schlüpfe und losrenne, fühle ich mich meistens besser. An diesem Tag und auf lange Sicht – im Hinblick auf diese Jeans z. B. Dafür wähle ich eine Disziplin, zu der ich mich nicht besonders zwingen muss.

Disziplin kann zur Freiheit führen. Wenn du deinen Spielplatz aufgeräumt hast und ihn nach Herzenslust bespielen kannst. Für Anarchie musst du frei sein, sonst rennen alle durcheinander und am Ende gibt’s eine große Sauerei und dann macht’s keinen Spaß mehr. Vielleicht bedingt Disziplin die Anarchie. Für die wilden Augenblicke des Sich-Fallenlassens.

Manchmal will man zum Augenblick ja sagen: „Verweile doch, du bist so schön.“ Und manchmal will man schreien: „Verpiss dich schnellstmöglich!“

Keiner bleibt. Die Welt dreht sich einfach weiter, egal wie unser Augenblick gerade ist. Das ist empörend und tröstlich zugleich.

Gerade kann man wieder Sternschnuppen sehen. Wenn man nicht zu viel Lichtverschmutzung um sich hat – oder wie nennt man das, wenn es zu hell ist, um den Sternenhimmel zu sehen?

Das sind Augenblicke, die man buchstäblich vorbeizischen sieht. Und meistens bin ich dann so in diesem An- und Augenblick gefangen, dass ich vergesse, mir dabei etwas zu wünschen. Das ist gut, denke ich mir dann.

Und während ich die letzten Sätze tippe, bügelt gegenüber einer splitternackt seine Businesshemden.

Anarchie und Disziplin. Yeah.

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