HAND! Oder: War doch alles schon mal da- August 2026


Ich sitze vor einem leeren Blatt und möchte eine Kolumne schreiben. Und ich denke: War doch alles schon mal da. Hat doch jede*r schon mal gedacht. Und vor allem pointierter, poetischer und klüger.
Ja, stimmt wahrscheinlich.
Und trotzdem kann alles immer wieder neu sein.
Bei uns in der Familie – beste Freunde zählen zur Familie – gibt es ein Baby!
Einen neuen Menschen. Einen noch nie dagewesenen.
Meine Tochter meinte neulich: „Ich freu mich schon, wenn ich mit ihr richtig quatschen und spielen kann. Im Moment schauen wir sie ja eigentlich nur an und freuen uns, wenn sie blinzelt.“
Das stimmt.
Wir schauen sie an.
Und dann:
„Ohhh! Sie hat gegähnt! Wie süß!“
„Schau, wie sie die Hand hebt!“
„Sie hat den Mund verzogen! Fast wie ein Lächeln!“
„Habt ihr das gesehen?“
Ja, haben wir. Wir saßen schließlich zu viert seit zwanzig Minuten um sie herum.
Schon erstaunlich. Wir scrollen uns bei Netflix durch 700 Filme und sagen: „Es gibt einfach nichts.“ Aber wenn ein zehn Tage alter Mensch ein Auge öffnet, sind wir bestens unterhalten.
Das ist eines der Wunder an Babys. Nicht nur, dass sie neu sind. Sondern dass durch sie alles plötzlich wieder neu werden kann.
Für ein Baby ist ja wirklich alles eine absolute Sensation.
HAND!
Was ist das?
Schon wieder diese Hand!
Wahnsinn, die GEHÖRT MIR!
Ich kann sie … in den Mund stecken!
Toll.
Irgendwann kommen die Füße dazu – wochenlanges Entertainment.
Nach der Milch dann irgendwann zum ersten Mal: Banane.
BA-NA-NE!
Während wir vor 38 Sorten Joghurt stehen und denken: „Ist irgendwie nichts dabei.“
Wir wachen morgens auch eher selten auf und denken:
SONNE!LICHT!WOLKEN!
Wir denken:
Ach ja. Donnerstag halt.
Da ist es eine große Inspiration, sich Kinder anzugucken. Eigentlich jeden Alters.
Jetzt fängt ja auch die Schule wieder an. Für uns Erwachsene heißt das: Wecker stellen, Brotdosen, Elternmails, größere Turnschuhe herzaubern und herausfinden, wo zum Teufel der Sportbeutel seit Juli steckt.
Für die Kinder heißt es vielleicht: neue Lehrer*innen, neue Fächer, ein neuer Sitzplatz, vielleicht neue Freunde. Mehr oder weniger Zähne als im letzten Schuljahr.
Und irgendwie ist das ja auch immer wieder neu.
Natürlich ist fast alles schon mal dagewesen. Wie Liebeslieder. „Ich liebe dich.“ „Du liebst mich nicht.“ „Komm zurück.“ „Geh bloß weg.“ „Komm oder geh doch lieber, ich weiß auch nicht…“ Viel mehr Möglichkeiten gibt es dramaturgisch gar nicht.
Und trotzdem gibt es immer ein Liebeslied, das plötzlich ganz überraschend genau aus deiner Seele spricht, wenn du selbst gerade verliebt bist.
Shakespeare hat vor über 400 Jahren über Liebe, Eifersucht, Macht, Familienkrach und Menschen geschrieben, die konsequent die falschen Entscheidungen treffen. Und wir erzählen diese Geschichten immer noch.
Vielleicht muss das Neue also gar nicht immer etwas sein, das noch nie dagewesen ist.
Wir haben schon viele Donnerstage erlebt. Viele Herbste, erste Schultage. Wir haben geliebt, gelacht, gestritten, angefangen, aufgehört und wieder angefangen.
Aber wir sind dabei nie genau derselbe Mensch.
Und vielleicht ist das auch für die Kreativität ganz beruhigend. Ich muss gar nichts erfinden, was noch nie jemand gedacht hat. Ich denke es in diesem Augenblick grade neu, vielleicht denke ich es zum ersten Mal, und das ist so sensationell wie die erste Banane.
Neues Baby. Da liegt ein komplettes Leben vor ihr, das noch niemand kennt. Und wahrscheinlich wird es aus lauter Dingen bestehen, die schon Milliarden Menschen vor ihr erlebt haben: Freundschaft, Streit, Schule, Liebe, Langeweile, Glück, Liebeskummer. Alles schon erzählt – und trotzdem noch nie von diesem Menschen erlebt.
Vielleicht nehme ich mir das Baby zum Vorbild.
Ohne alle zwei Stunden andere Leute anzuschreien, damit sie mir was zu essen bringen. Dafür gibt es bei erwachsenen Müttern erfahrungsgemäß weniger Toleranz.
Morgen früh fange ich einfach mal so an:
KAFFEE!?
Schon wieder Kaffee!
Wahnsinn.




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