top of page

WelchE*r Busfahrer*in willst du sein?- Mai 2026

Autorenbild: stolzbaerbel
stolzbaerbel
5. Okt.
3 Min. Lesezeit

 

Ich habe mit meinem Sohn eine kleine Reise gemacht, das war sein Geburtstagsgeschenk.

Auf der Rückreise hat mir am Flughafen ein Mann ein Bein gestellt. Also wirklich. So richtig mit Absicht. Ein erwachsener Mann. Rollkoffer. Jackett. Wahrscheinlich Vielfliegerstatus Silber oder Gold. Vielleicht auch ein emotionales Kleinkind mit Handgepäck.

Wir liefen Richtung Security, diese typischen Schlangen mit den Gurtbändern, wo Menschen innerhalb von drei Minuten auf Höhlenmodus umschalten. Mein Sohn ging ein Stück vor mir und hörte mich nicht, also wollte ich zu ihm aufschließen und bin an der Seite an zwei Menschen vorbeigegangen.

Und dabei hat dieser Mann versucht, mir ein Bein zu stellen. Das hat mich ganz erschüttert. Und ehrlicherweise auch gleich ins Reptiliengehirn geschleudert. „Ich möchte nur zu meinem Kind“, hab ich gezischt, meinen Sohn erreicht und ihn kurz angehalten, um den schnaubenden Mann vorbeizulassen. Er ging also weiter, empört aber auch triumphierend - und wir langsam hinterher. Ich war noch ganz verdattert, dass ein erwachsener Mann gerade wirklich versucht hatte, mich stolpern zu lassen. Da öffnete eine Flughafenmitarbeiterin genau vor uns eine Absperrung, um uns in eine andere Schlange zu lotsen. Wir waren dadurch viel schneller an der Security, und als ich ihn hinten in der anderen Schlange warten sah, tat er mir fast leid. Wir hatten es nicht eilig, er vielleicht schon. Und gleichzeitig dachte ich: „So, Scheiße fliegt halt immer im Kreis und klatscht dir irgendwann ins Gesicht, da hast du sie.“

Irgendwie musste ich da an den Busfahrer meiner Schulzeit denken.

Wir mussten ewig Bus fahren vom Dorf bis zum Gymnasium. Der Bus fuhr morgens um 6:40 los. Im Halbschlaf und mit Schulranzen rannten wir oft das letzte Stück zur Straße und sahen schon von weitem: der Bus fährt gleich los.

Aber unser Busfahrer hat uns immer mitgenommen. Manchmal hat er uns sogar unterwegs an der Straße noch eingesammelt, wenn wir es nicht mehr bis zur Haltestelle geschafft haben.

Eigentlich eine Kleinigkeit. Aber irgendwie auch nicht. Weil ich bis heute daran denke - und hoffe, dass seine Freundlichkeit auch im Kreis zu ihm zurückgeklatscht ist.

Es gibt scheinbar Menschen, die jeden kleinen Machtbereich nutzen, um anderen zu zeigen: Pech gehabt. So nicht. Was glaubst du denn!

Die Bustür geht direkt vor deiner Nase zu, obwohl der Fahrer oder die Fahrerin dich gesehen hat. Jemand lässt eine Tür vor dir zufallen, obwohl du beide Hände voll hast. Ein Auto lässt dich nicht die Spur wechseln, wenn du zu spät gesehen hast, dass du falsch eingefädelt bist.

Und oft geht es dabei nicht um die Zeit. Nicht um diese drei Sekunden. Sondern um Kontrolle. Wenn man gestresst ist, überrollt vom Leben und sich allem ausgeliefert fühlt, brauchen Menschen Situationen, in denen sie bestimmen können. Ich entscheide jetzt. Ich habe hier die Macht. Ich bestimme, was passiert.

Und manchmal gefällt es uns vielleicht auch einfach, jemanden spüren zu lassen, dass wir am längeren Hebel sitzen.

Aber gleichzeitig hast du dann auch die Macht, zu entscheiden: seh ich gerade eine*n Gegner*in vor mir? Eine*n Drängler*in? Einen Idioten? Oder sehe ich einen Menschen statt meiner inneren Warnblinkanlage?

Ich bin immer ganz gerührt, wenn ich jemanden zum Bus sprinten sehe und der auf ihn wartet und finde es bezaubernd, dass es solche Menschen gibt. Ich bin ehrlichweise nicht so oft bezaubernd wie ich es gern wäre und weiß nicht, wie ich das im Arbeitsalltag nach 5 Stunden Busfahren hinkriegen würde.

Unser Charakter zeigt sich vermutlich weniger daran, welche Meinung wir auf Social Media posten oder welche Werte auf unseren Stofftaschen stehen. Sondern darin, wie wir uns verhalten, wenn uns niemand kontrolliert.

Jemand in der Schlange vor dir kann eine Bedrohung sein - oder eine Mutter, die zu ihrem Kind will.

Und meistens haben wir selber gar nichts davon, wenn wir uns kleinlich verhalten. Wir kommen nicht schneller an. Wir haben nicht mehr Platz. Wir sind nicht glücklicher. Wir sorgen nur dafür, dass jemand anderes langsamer ankommt, weniger Platz hat, sich schlechter fühlt.

Das ist kein Gewinn für uns. Nur geteilter Verlust. Wenn ich es schaffe, mich daran zu erinnern, denke ich nicht: „Warum sollte es für dich glatt laufen?“ sondern „Warum nicht?“

 

Großzügigkeit tut uns gut, Großzügigkeit im Denken und Handeln. Dann wirkt das eigene kleine Territorium nicht ständig bedroht, sondern groß genug für andere Menschen.

Also frag dich ruhig ab und zu:

Welche Art Busfahrer*in willst du sein:

Die, die demonstrativ jemand die Tür vor der Nase zuknallt?

Oder die, an die sich jemand dreißig Jahre später immer noch gern erinnert?

 
 
 

Kommentare


bottom of page